Rückblick: 2001, Herbsttoern in Griechenland
Rückblick - Home
Wellen aus dem Nichts

Nach einigen Nächten an Bord hat sich der Freizeitsegler gewöhnt an die Geräusche, die ein Schiff so von sich gibt. Das leise Ächzen der Kette, das Scheuern der Fender und das Glucksen der Wellen im Hafenbecken oder in der Ankerbucht sind vertraut und signalisieren Geborgenheit. Auch der Ouzo, diszipliniert und wie Medizin genossen, unterstützt die Phase der Ruhe. Segler schlafen gut. Sie haben es sich verdient.

Aber in dieser Herbstnacht, in der Ormos Agnontas an den südlichen Gestaden der Insel Skopelos, im Archipel der nördlichen Sporaden gelegen, da ist alles anders. Unsanft, wie von Geisterhand geschüttelt, hat der Schlaf ein Ende, für alle und erstaunlich geichzeitig. Wir sind wach - hellwach und treffen uns leicht verwirrt aus den Augen blinzelnd am Niedergang. Es gibt für alles eine Erklärung - aber welche?

Vier Stufen, und wir stehen in der Plicht, atmen kühle Nachtluft, schauen hoch zum leuchtenden Sternenhimmel, registrieren Windstille. Und dennoch rauschen Wellen in die ideal gelegene Bucht, in der wir vorsorglich Schutz gesucht haben vor starken nördlichen Winden. Die hat der internetgestützte Wetterdienst für die Nacht und den morgigen Tag vorausgesagt.

Wellen, die zu diesem Zeitpunkt vielleicht einen Meter hoch sind, laufen längst zum Betonkai. Und lassen auch das 40-Fuß-Schiff ”Geronimo“ nicht in Frieden liegen, sondern heben es spielerisch um eben diesen Meter an. Sie tun das auch mit dem Nachbarschiff, an dem wir angelegt haben - aber leider nicht ganz synchron. Die Fender fendern noch, und sie halten sich tapfer an die vom Hersteller vorgegebene Belastungsgrenze.

Wellen ohne Wind. Kühne Spekulationen werden geäußert. Ich lege mich zwischenzeitlich auf ein Mitwirken der sechsten amerikanischen Flotte fest, die in der westlichen Ägäis unerkannt von der Weltpresse einen Vergeltungsschlag probt. Unsere Nachbarn, zwei Finnenpärchen mit einem Tag Griechenlanderfahrung und dem für die ganze Woche gebunkerten Ouzovorrat im Blut, wollen sich hierzu nicht äußern, sind aber zunächst zuversichtlich, dass das sorgfältig verschnürrte Päckchen auch hält.

Jetzt kommt Wind, stoßweise und wütend, fegt über das Kai und wirbelt den Sand auf. Die Wellen werden höher, die Bewegungen der Schiffe immer ruppiger. Sieben Tonnen tanzen Tango. Die ”Dionissia“ die weiter hinten am Kai auf griechisch-römisch festgemacht hat, motort durch die Bucht, such einen Ankerplatz. Die Entscheidung ist vernünftig. Wenn GFK und Beton aufeinander treffen, kann es zu dauerhaften Verformungen kommen, meistens am GFK. Wir wollen auch los, weg vom Kai. Jetzt wird es doch noch etwas mit der geplanten Nachtfahrt.

Über tanzende Boote zu steigen, erfordert Konzentration. Die Finnen helfen bereitwillig, sind sicher froh, dass wir fahren. Vier Leinen müssen losgeworfen werden. Die Reihenfolge ist nicht ganz unwichtig. Gut, dass auch Finnen in der Schule englisch lernen. Alles klappt, wir sind klar vom Kai und in der Bucht. Zwei, drei Kreise gefahren, das Echolot im Blick, genug Abstand von der ”Dionissia“, ”Fallen Anker“, er scheint zu halten, ja er ist fest. Ein Rest an Zweifel bleibt, verschwindet nicht, auch wenn Landmarken immer gleich gepeilt werden und die Wassertiefe von 7,50 m konstant ist.



Wir werden zu Zuschauern, beobachten die Manöver anderer Schiffe, die sich aus dem Gefahrenbereich am Kai entfernen wollen. Wir hören Metall, GFK und Beton aufeinanderprallen, hören auch Schreie, Panik und Entsetzen. In der Bucht kreisen mehrere Boote, suchen einen geeigneten Ankerplatz. Die Beschreibung im Hafenhandbuch, die den Ormos Agnontas als ”wunderbar geruhsamen Aufenthaltsort” in grüner Umgebung kennzeichnet, stimmt in dieser Nacht nicht.

Der Morgen dämmert, die Situation wird überschaubar, der Spuk hat ein Ende. Der Wetterbericht, der von der ”Dionissia“ herüber gefunkt wird, verheißt einen Tag mit starken bis stürmischen Winden aus Nord-West. Ein Abflauen ist nicht in Sicht. Der Entschluss, so schnell wie möglich nach Skiathos, dem Ausgangshafen, zurückzukehren, ist sicher konsequent. Die Überfahrt, obwohl nur drei Stunden weit, geht gegenan und macht nicht jedem an Bord Freude. Frühstücken will um diese Uhrzeit noch niemand. Segeln auch nicht, obwohl es vielleicht sogar angenehmer wäre.

Skiathos hat einen sicheren Hafen für die Wetterlage, die uns erwartet. Ruhig genug, um im Törnführer inhaltsreiche Sätze nachzulesen wie ”so kann es bei völliger Windstille in der Nacht manchmal eine unerklärliche Dünung geben, die von einem rasch durchziehenden Tief herrührt und das Ankern ungemütlich macht...“. Ein gutes Buch, das sich zu lesen lohnt - vorher! ad